Totentanz

Zum Lübecker Totentanz in St. Marien

(geschaffen 1463, durch Kopie ersetzt 1701, zerstört 1942)

 
Den berühmten Lübecker Totentanz schuf der junge Bernt Notke 1463 nach dem Vorbild der Danse Macabre in Paris aus dem Jahr 1424/25 für die Beichtkapelle im Norden der Marienkirche. Diese lichtabgewandte Seite legt den Gedanken an den Tod nahe und erinnert den Menschen daran, durch Reue, Beichte und Buße sein Leben entsprechend der christlichen Lehre zu ordnen. Damals erwartete man die sich von Süden ausbreitende Pest, die Lübeck tatsächlich zu Ostern 1464 erreichen sollte.
 
Der Totentanz war nicht auf Holztafeln, sondern auf eine 26m lange und fast 2m hohe Wandbespannung aus Leinen gemalt, die sich oberhalb des Beichtgestühls entlang den Wänden der Kapelle als fortlaufende Bildsequenz erstreckte. Der Fries zeigte, angeführt von einem Flöte spielenden und einem Sarg tragenden Tod 24 nahezu lebensgroße Paare. Sie bestanden jeweils aus einer Todesfigur und einem (noch) Lebenden, angefangen mit dem Papst und dem Kaiser, über den Bürgermeister und Kaufmann bis hin zum Bauern und dem Wiegenkind. Der Reigen umfasste Vertreter aller Stände und schloss einzelne weibliche Figuren und verschiedene Altersstufen mit ein. In den Tanz des Todes fügten sich die Lebenden nur starr und widerstrebend ein, dagegen sprangen die Totengerippe wild und ausgelassen. Am Ende aber mähte ein Sense schwingender Tod alles Leben nieder.
 
Ein Merkmal des Lübecker Totentanzes, das ihn von allen anderen überlieferten Totentänzen unterscheidet, ist der Umstand, dass sich der makabre Reigen unmittelbar vor der heimischen Landschaft mit der repräsentativen Stadtkulisse Lübecks in ihrer Mitte abspielt. So kann sich der Betrachter mit den Figuren im Reigen identifizieren und erkennen, dass ihm hier und jetzt ein Spiegel vor Augen gehalten wird, in dem er sich selbst im Tanz mit dem Tod erblickt. Damit erweist sich angesichts des Todes die Vergänglichkeit von Macht, Reichtum und Schönheit dieser Welt.
Ähnlich kunstvoll verknüpft wie die farbenprächtige Bilderfolge auf dem Gemälde, entfaltete sich unterhalb der Figuren der niederdeutsche Text mit dem Dialog zwischen den Todesfiguren und den Lebenden. Der Totentanz gemahnte hier den einzelnen, sein Leben einerseits auf das Jenseits und die Erlösung auszurichten und sich andererseits für seine persönliche Aufgabe innerhalb der sozialen Gemeinschaft im Diesseits einzusetzen.
 
Der Totentanz von St. Marien hat in der St. Nikolaikirche in Tallinn ein ‚Schwesterstück‘, den Revaler Totentanz, den Bernt Notke um 1500 nach dem Vorbild seines Lübecker Totentanz-Frieses anfertigte. Dieses ebenfalls auf Leinwand gemalte Fragment bildet mit 13 Figuren den Anfang eines ursprünglich vollständigen Totentanzes. Die Dynamik der Figuren und die Leuchtkraft seiner Farben lassen noch heute erahnen, wie ausdrucksstark auch das alte Gemälde in Lübeck gewesen sein muss.
 
Die empfindliche Wandbespannung des Lübecker Frieses wurde im Laufe der Jahre häufig repariert und war 1701 schließlich so verschlissen, dass man das gesamte Gemälde durch eine Kopie des Kirchenmalers Anton Wortmann ersetzen ließ. Zugleich schuf der verdiente Stadtpoet Nathanael Schlott eine zeitgemäß stilisierte Neudichtung, die wie beim alten Totentanz an die gleiche Stelle unterhalb der Figuren trat. Die neuen Verse vermittelten ein gewandeltes Todesverständnis; denn die barocke Sehnsucht nach dem Tod verdrängte die Lebensfreude und die Angst vor dem Tod und dem Jüngsten Gericht, wie sie vielen Figuren des spätmittelalterlichen Werks eigen war.
 
Der Totentanz von St. Marien wirkt seit seinem Entstehen bis in unsere jüngste Gegenwart weiter. Hiervon zeugen traditionelle und neue Formen des Kunsttypus, zumal wenn Kriege, Seuchen und andere Katastrophen ein Gefühl von Angst und Ohnmacht angesichts übermächtiger Gewalten hervorrufen. Gerade zu solchen Zeiten suchen und finden Menschen im Totentanz einen Ausdruck für ihre existenzielle Grundstimmung.
 
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Lübecker Totentanz vollständig zerstört. Heute halten in der Totentanzkapelle zwei jüngere künstlerische Umsetzungen das Thema Tod und Totentanz wach. Zum einen sind es die zwei hoch aufragenden Totentanzfenster von Alfred Mahlau auf der Nordwand und zum andern ist es das halbrunde Fenster von Markus Lüpertz über dem Nordportal der Kapelle.   
Mahlau entwarf sein Werk in den Jahren 1956/57 in Erinnerung an den vernichteten Fries. Dabei ließ er sich von den alten Figuren anregen. Als Mahnmal des Zweiten Weltkriegs platzierte er den Todesreigen über den brennenden Häusern und Türmen der Stadt Lübeck. Dieses katastrophale Szenario deutet der Maler jedoch, Trost spendend, in eine Vision des Friedens um; denn er interpretiert das Wiegenkind am Ende des Totenreigens als das Christuskind in der Krippe, das den Tod überwindet und die rechte Hand zum Segensgestus erhebt. Die Aussage gipfelt in den Worten „GLORIA IN EXCELSIS DEO. AMEN“ (Ehre sei Gott in der Höhe. Amen).
Das von Lüpertz 2002 gestaltete Fenster kombiniert vertraute christliche Zeichen von Tod und Auferstehung: den Fisch als Symbol für Christus, den Totenschädel im Gespräch mit der Friedenstaube, die in den Krallen eine aufblühende rote Rose als Symbol der Liebe und des Lebens hält, den blauen Krug mit dem Wasser des Lebens, die Schnecke als Symbol für Tod und Wiedergeburt und die sieben Fackeln der Apokalypse, die das Jüngste Gericht ankündigen. So gesehen, versteht sich das Bildfenster nicht als Vision des Schreckens, sondern als Hoffnung und Trost spendende Deutung des Todes.
 
Literatur: 
Der Totentanz der Marienkirche in Lübeck und der Nikolaikirche in Reval (Tallinn). Edition, Kommentar, Interpretation, Rezeption. Hrsg. von Hartmut Freytag (Niederdeutsche Studien 39), Köln - Weimar - Wien 1993.
Zens, Der neue Lübecker Totentanz, Hrsg. Galerie Peithner-Lichtenfels, Wien [2003].
Leporello: Der Totentanz in der Marienkirche zu Lübeck aus dem Jahre 1463, zerstört 1942. Originalaufnahmen von Wilhelm Castelli, Lübeck 2009.
 
Text: Hartmut Freytag und Hildegard Vogeler
 

Weitere informationen hier.