Das Bauwerk

Die Rats- und Bürgerkirche St. Marien

Von Pastor Robert Pfeifer

St. Marien zu Lübeck ist eine der bedeutendsten Kirchen Nordeuropas und ein beeindruckendes Zeugnis der Lübecker Stadtgeschichte. Sie markiert einen Ort der Stadt, mit dem sich viele Lübeckerinnen und Lübecker hochgradig identifizieren. Das liegt nicht nur am Stadtsymbol "Lübecker Krone“ und dem Begriff „7 Türme“, sondern sicher auch an der jüngsten Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg. Wunder und Wunden liegen in dieser Kirche nah beieinander. Und die Erfahrung eines gelungenen Wiederaufbaus nach der dramatischen Zäsur von 1942 zählt sicher zu den größten Wundern der Geschichte dieser Kirche. Die bewegte Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart ist in St. Marien mit allen identifizierbaren Brüchen und Widersprüchen auf einzigartige Weise verdichtet ablesbar.
Deshalb spielt der Respekt vor den Leistungen und Entscheidungen der Erbauer, der Gestalter und der Nachkriegsgeneration bei allen Überlegungen zu Restauration und Erhaltungsmassnahmen eine gewichtige Rolle. Die Herausforderung besteht häufig darin, die Fragestellungen und die Weltwahrnehmung der Gegenwart in das Gesamtkunstwerk St. Marien einzutragen, ohne die Muttersprache der gotischen Kathedrale zu übersehen. Sie ist der Schlüssel zu einem tiefen, spirituellen Erleben des Raumes. In theologischer Hinsicht wurden die Kirchenbauten schliesslich als ein gebauter Teil der Liturgie verstanden und entsprechend angelegt. Sie wiesen auf das „Himmlische Jerusalem“ (Offenbarung des Johannes, Kapitel 21) und waren gedacht als der neue Tempel Salomons (1. Könige, Kapitel 6). Bischof Durandus von Mende († 1296) schrieb: „Alles, was zu den kirchlichen Gottesdiensten, Dingen und Schmuck (ornamenta) gehört, ist voller göttlicher Zeichen und Geheimnisse.“ Die gotischen Kirchenbauten sollten wie der Kosmos eine vollkommene Einheit werden: schön, harmonisch und klar durch Licht, Geometrie, Proportionen, Material und Farbe.

Von diesem Grundgedanken herkommend führt die gotische Basilika St.Marien die BesucherInnen ausgehend von der Blütezeit der Lübecker Hanse über Renaissance und Barock, über den 2. Weltkrieg bis in die Gegenwart. Sie birgt einen kostbaren Schatz von Baukunst und Kunstwerken, die die Entwicklung der sakralen Kunst vom 13. bis zum 21. Jahrhundert dokumentieren und zur eigenen Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart anregen.
Die Gleichzeitigkeit von Gotik, Renaissance, Barock und Moderne bildet in der Marienkirche in einzigartiger und maßgeblicher Weise die Kulturgeschichte des Christentums ab. Dabei behält jede Epoche ihr Recht und ihre Ausdruckskraft. Die Heterogenität der künstlerischen und bildlichen Ausstattung wiederum verbindet die Zeiten, Milieus und Theologien zu einer einzigartigen Symphonie von Architektur und Kunst, die für die Menschen bis in die Gegenwart hinein auf geheimnisvolle Weise lesbar bleibt. Und so lautet eine Botschaft von St.Marien: Die Zeit bleibt stehen - und besteht zugleich in ihrer Bewegtheit. Ewigkeit drängt hier zur Gestaltwerdung.

Die Marienkirche ist eine Basilika. Das heißt, sie besteht aus einem hohen Mittelschiff und zwei niedrigeren Seitenschiffen in West-Ost-Richtung. Im Osten des Hauptschiffs liegen der Chor und der Chorumgang. Gesäumt ist der Bau von 18 auf verschiedenste Art gestalteten und genutzten Kapellen.