KLEINE URSACHE – ENORME WIRKUNG

Die Kraft, die das Mauerwerk von St. Marien sprichwörtlich aus den Fugen geraten lässt, ist enorm. Und doch ist die Ursache so winzig klein, dass Experten sie nur unter dem Mikroskop erkennen können. Dass Zement in Verbindung mit Wasser die für das Mauerwerk so fatalen, für das bloße Auge unsichtbaren Treibmineralien bildet, ist das Ergebnis einer umfassenden Untersuchung, an der Bauhistoriker, Materialprüfer und Kirchenbauhütte beteiligt waren. Die Ergebnisse sind die Grundlage der jetzigen Sanierung.

DEM BAUWERK AUF DEN GRUND GEHEN

Hier lag etwas im Argen: Kaum saniert, traten 2006 die Risse am Nord- und Südturm von St. Marien wieder in Erscheinung. Was war hier los? Um die wirkliche Ursache herauszufinden, musste, wie das die Leiterin der Kirchenbauabteilung Lübeck-Lauenburg, Liane Kreuzer, ausdrückt, „dem Bauwerk auf den Grund“ gegangen werden. 

Zum einen wurde 2013 ein Rissmonitoring mit sechs Monitoren installiert, deren Daten zweimal im Jahr ausgelesen und bewertet werden. Zum anderen wurde das Gefüge – das Zusammenspiel zwischen Stein und Bindemittel – akribisch untersucht. Dabei wurden nicht nur die verschiedenen Bauphasen, sondern auch die jeweils zum Einsatz gekommenen Bindemittel identifiziert: Gipsmörtel, Gips-Kalk-Mörtel, Erzzement und Sulfat-Hochofenzement.

Von der Materialprüfanstalt in Bremen bis ins kleinste Körnchen untersucht, konnte hier die Vermutung bestätigt werden, dass es die Bindemittel aus Zement sind, die dem Mauerwerk nicht gut tun, die es sprichwörtlich aus den Fugen geraten lassen. Denn die sogenannten hydraulischen Bindemittel bilden in Verbindung mit Wasser Treibmineralien, gehen dadurch auf „wie ein Hefeteig“ und entwickeln dabei Kräfte, die Mauern sprengen können.

Ob der seit kurzer Zeit auf dem Markt wieder erhältliche Hochbrandgips – das Bindemittel der mittelalterlichen Bauzeit – geeignet ist, wurde von der Kirchenbauhütte in Probewänden überprüft und für gut befunden. 

Die in St. Marien geführten Analysen unterstreichen die Bedeutung dieser Bauphase, die mit ihrem gezielten Untersuchen, genauem Nachfragen und gemeinsamen Auswerten spätere Überraschungen bei den Sanierungsarbeiten möglichst ausschließt und die Kosten reduziert.

DIE „SOLLRISSFUGE“ SOLL ES RICHTEN

Ein wenig klingt die geplante Sanierung an St. Marien wie ein ärztlicher Bericht. Die chronische Erkrankung kann zwar nicht geheilt, dafür aber aufgehalten und gelindert werden. Da es unmöglich ist, die Ursache der Risse, den schädlichen Verpressmörtel, vollständig aus dem Mauergefüge zu entfernen, wird es aber eine unterstützende Schutzschicht geben. So wird das Mauerwerk im Bereich der sichtbaren, deutlich geöffneten Risse bis ca. drei bis vier Steine breit vorsichtig abgebrochen.

Beim Neuaufmauern wird zum einen der von der Kirchenbauhütte geprüfte Gipsmörtel zum Einsatz kommen. Zum anderen wird der ehemalige Riss in der vorderen, neu aufgebauten Mauerschicht, der so genannten Verblendlage, einen Stein tief als Fuge nachgebildet und dauerelastisch geschlossen. Die Fugendichtmasse wird im Farbton des Fugenmörtels gestaltet. Wenn es nun zu weiteren Bewegungen kommt, dann kann über diesen künstlich nachgebildeten Riss, die so genannte Sollrissfuge, die Bewegung aufgenommen werden. 

Da der Zementmörtel ohnehin nur in Verbindung mit Wasser Treibmineralien bildet, gilt es darüber hinaus, das Eindringen von Feuchtigkeit so gut als möglich zu verhindern. So soll nicht zuletzt das Gesims am Nordturm in 60 Metern Höhe flächig mit einer Falzdeckung aus Blei abgedeckt werden – so wie das bei dem Gesims auf 50 Metern bereits der Fall ist.

Zusätzlich müssen die Risse in den verrutschten, ausgebauchten Granitquadern geschlossen werden – nachdem diese durch Anker in ihrer Lage gesichert worden sind.

ZWEI BEISPIELE FÜR ECHTES HANDWERK

332 Meter
Dies ist die Gesamtlänge aller Fugen, die per Hand gesäubert und dann neu verfugt werden
müssen. Zum Vergleich: Die Gesamtlänge von St. Marien beträgt 103 Meter.

19110
Ziegelsteine der Mauern St. Mariens müssen entfernt, begutachtet und gereinigt werden. Danach wird die selbe Zahl an Ziegelsteinen wieder neu per Hand eingemauert.

PFLEGER UNSERES KULTURELLEN ERBES

Zwanzig Tage nach der international beachteten 700-Jahr-Feier von St. Marien am 2. September 1951 fand in der „Mutter der Backsteingotik“ etwas statt, das zwar von der Öffentlichkeit nicht bemerkt wurde, für Lübecks Kirchen jedoch von grundlegender Bedeutung war: Mit 15 Handwerkern gründete sich die Kirchenbauhütte, die mit ihren Fähig-
keiten, mittelalterliche Kirchengewölbe zu sanieren, sowohl St. Marien als auch den Dom und 1987 schließlich St. Petri wieder aufgebaut hat. 

Nach dem Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Kirchen ist die Kirchenbauhütte seit 1987 für die Erhaltung der denkmalgeschützten Gotteshäuser zuständig und setzt sich dabei für den Einsatz historischer Materialien ein.

Immer auf eine gelingende Sanierung bedacht, knüpft sie damit an die Institution der Kirchenbauhütte im Mittelalter an. Ob in Ulm, Straßburg oder Lübeck: Ohne die in Solidargemeinschaft zwischen Baumeister, Handwerkern und Gesellen geführten Hütten wäre der Bau der eindrucksvollen Kirchen nicht möglich gewesen. 

Mit einem derzeitigen Stamm von zehn Mitarbeitern ist die Lübecker Kirchenbauhütte Mitglied in der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister, Münsterbaumeister und Hüttenmeister. Zusammen mit 16 anderen Hütten hat die Lübecker Hütte unlängst einen Antrag für die multinationale UNESCO-Nominierung des Bauhüttenwesens für
das Register „Gute Praxisbeispiele der Erhaltung Immateriellen Kulturerbes“ gestellt. Damit langfristig das materielle Erbe unserer Kirchen erhalten werden kann.

Urheber Text: Dr. Darijana Hahn

So berichtete die Evangelische Zeitung