© Foto: St. Marien

EINE REISE DURCH DIE ZEIT

„Es sind fünff Haupt- und Pfarr-Kirchen zu Lübeck, unter welchen die unweit des Marcktes und Rath-Hauses gelegene S. Marien Kirche die fürnehmste ist.“
1713, Johann Jacob von Melle (deutscher Theologe, 1721 – 1752)

„Die Marienkirche ist ein sehr edles, hohes Gebäude, das die übrigen Gebäude
in Lübek bey weitem übertrifft.“
1748, Thomas Nugent (1700 – 1772, irischer Gelehrter, Historiker und Reiseschriftsteller)

„Ich war in der Marienkirche und sah das berühmte astronomische Uhrwerk und dann noch den berühmten Cyklus von Bildern, welche man Todtentanz nennt.“
1836, Hans Christian Andersen (1805 – 1875, dänischer Schriftsteller und Dichter)

Draußen, jenseits der Straße, war schon jetzt, um die Mitte des Oktober, das Laub der kleinen Linden vergilbt, die den Marienkirchhof umstanden, um die mächtigen gotischen Ecken und Winkel der Kirche pfiff der Wind, und ein feiner, kalter Regen ging hernieder.
1901 aus „Buddenbrooks“, Thomas Mann (1875 – 1955, deutscher Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger 1929 für „Buddenbrooks“)

„Besonders unsre alten gottesdienstlichen Gebäude, fast alle in den ersten Jahrhunderten der Stadt gegründet, sind ein ehrenvoller, sprechender Beweis davon, welche Werke öffentlicher und Privat-Reichthum hervorzubringen im Stande war. Höher und stolzer, hebt sich das Herz jedes Eingebornen, wenn dieser Anblick ihm die Erinnerung an die Größe der Vorzeit hervorruft. Unter allen behauptet die Marien-Kirche den ersten Platz. Sie verdient denselben mit Recht, sey es in Hinsicht der herrlichen Bauart, oder ihres innern Reichthums an Denkmälern der Kunst.“
1822, Heinrich Christian Zietz (1769 – 1834, evangelischer Pastor und Topograph)

Seit den Anfängen

Schon im 12. Jahrhundert gab es in der Nähe des Lübeckers Marktes einen hölzernen Vorgängerbau von St. Marien. Von einem zweiten, im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts errichteten Bau aus Backstein sind Reste in einigen Pfeilern erhalten. 

Das heutige Bauwerk als dreischiffige Basilika entstand vor allem von der Mitte des 13. bis zum Ende des 14. Jahrhunderts. 

Die neue Kirche war zunächst mit einem Turm geplant, bis 1304 mit dem Bau der 124 und 126 Meter hohen Doppeltürme begonnen wurde. 1350 richteten die Handwerker die hölzernen Turmpyramiden auf und deckten sie mit Blei. Als Vorbild für die gotische Sakralarchitektur strahlte St. Marien in den ganzen Ostseeraum aus. Nicht nur an Kirchen – auch an Bürgerhäusern wurden Elemente der gotischen Backsteinarchitektur übernommen.

Bis zur Reformation war das Innere der Kirche mit vielen Altären ausgestattet, an denen Lübecker Bürger für ihr Seelenheil beten ließen. Nach der Reformation wandelte sich das Bild: Während es nur noch einen Hauptaltar gab, erinnerten immer prachtvollere und größere Gedenktafeln (Epitaphien) an vermögende und einflussreiche Bürger, die zur Gemeinde von St. Marien gehörten. Die mittelalterlichen Wandmalereien verschwanden unter weißer Tünche. Orgeln hatte es schon im Mittelalter gegeben. Auf ihnen spielte auch Johann Sebastian Bach bei seinem Besuch in Lübeck im Jahr 1795.

Wie an jedem Bauwerk mit Geschichte waren an St. Marien im Lauf der Zeit Reparaturen und Ausbesserungen notwendig. Nur einmal erlitt die Kirche einen größeren Schaden: 1508 brannten der Dachreiter und ein Teil des hölzernen Dachstuhl ab. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden umfangreichere Reparaturen notwendig, vor allem an den Türmen.

RESTAURIERUNG UND ZERSTÖRUNG 1867 – 1942

Wie bei jedem Bauwerk sorgen auch an der Marienkirche Wind und Wetter für plötzliche Schäden und langsamen Verfall. Die Rechnungsbücher der Kirche, die seit 1531 erhalten sind, verzeichnen kleinere und größere Reparaturen und Baumaßnahmen durch die Jahrhunderte. Im Bild werden die Arbeiten zur Erhaltung von St. Marien seit etwa 1867 sichtbar: Auf einigen frühen Fotografien aus dieser Zeit sind Holzgerüste an den Türmen zu sehen. Ein Jahrzehnt später wurden die schief stehenden Turmhelme etwas begradigt, und statt einer Blei- erhielten sie eine Kupferdeckung. 

Kaum gesichert arbeiteten die Handwerker auch noch nach 1900 ohne Maschinen und nur mit ihren Händen und der Kraft des Hebels – nicht anders als im Mittelalter. Aus den Turmluken ragende Balken mit Rollen und Seilen dienten als Kran. Stadtbekannt unter den Handwerkern war der Schlosser Paul Ruperti, der jahrzehntelange waghalsige Reparaturen an vielen Kirchtürmen ausführte.

In den 1930er-Jahren erfolgte zum ersten Mal eine professionelle Bauforschung an der Marienkirche. Der Dresdner Bauingenieurforscher Prof. Rüth befasste sich mit der Statik der Kirche. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges aber erfolgten Sicherungsmaßnahmen nur für die Ausstattung der Kirche: Holzverkleidungen dienten als Splitterschutz. In der Palmarumsnacht vom 28. auf den 29. März 1942 verstärkten sie das durch Brandbomben ausgelöste Feuer: St. Marien brannte völlig  aus.

Die Statik der Kirche war nach dem Luftangriff von 1942 noch sehr viel ernsthafter bedroht, weil ohne das Dachwerk die Stabilität von Pfeilern und Wänden nachließ. Noch während des Krieges erhielt St. Marien einfache Notdächer. Aber in den ersten Nachkriegsjahren wurde der Zustand immer kritischer: 1948 drohte der vollständige Einsturz der Kirche.

WIEDERAUFBAU UND WELTERBE 1947 – 1987

Als Bauwerk von nationaler Bedeutung wurden an der Ruine von St. Marien, der „Mutterkircheder Backsteingotik“, noch im Zweiten Weltkrieg erste Arbeiten durchgeführt. Notdächer sicherten Gewölbe und Türme vor Regen, die durchschlagenen Gewölbe wurden geschlossen. Weil aber mit dem provisorischen Dachwerk und wegen fehlender Mauerankern die Statik nicht gesichert war, drohte 1947 der Einsturz. Kirchenbaudirektor Bruno Fendrich machte die bedrohliche Lage öffentlich und rief zur Rettung der Kirche auf. Mit seinen Berechnungen erreichte er, dass die Arbeiten an St. Marien als vordringlich anerkannt wurden. Die britische Besatzungsverwaltung gab kaum verfügbares Material wie den Stahl für neue Maueranker frei. Als St. Marien 1951 wieder eingeweiht wurde, war die Kirche gerettet. 

Weitere Gewölbe mussten später wegen ihrer Risse neu aufgemauert werden. Heute noch kann man an einigen Gewölben die Jahreszahlen dieser Arbeiten finden. 1956/57 kam unter Mithilfe einer erfolgreichen Spendenkampagne das Geld für den Wiederaufbau der Türme zusammen. Einzelpersonen, Firmen, Stadt, Land und Bund beteiligten sich. Das Innere von St. Marien wurde in den 1950er und 1960er Jahren neu gestaltet. Ein schlichter Altar ersetzte den Barockaltar, St. Marien erhielt neue Glocken, Orgeln, Glasfenster und Ersatz für die berühmte, verbrannte astronomische Uhr.

1979/80 entstand der Dachreiter neu, und mit der Vervollständigung des Geläutes 1985 war der Wiederaufbau abgeschlossen. 1987 sprach die UNESCO der Hansestadt Lübeck mit ihren gotischen Backsteinkirchen und dem mittelalterlichen Stadtgrundriss den Status des Weltkulturerbes zu – als „ein hervorragendes Beispiel eines Typus von Gebäuden“ und eines „architektonischen Ensembles“, die einen bedeutsamen Abschnitt der Menschheitsgeschichte darstellen. Damit steht sie in einer Reihe mit Orten wie Stonehenge in England, der Akropolis in Griechenland, den Pyramiden von Gizeh in Ägypten oder der Chinesischen Mauer.

Urheber Texte: Dr. Jan Zimmermann