Kranzniederlegung der Heimatvertriebenen

Kranzniederlegung der Heimatvertriebenen


# Rückblick
Veröffentlicht am Montag, 25. November 2019, 08:20 Uhr
© Foto: Ulf-Kersten Neelsen

O Ewigkeit, du Donnerwort, o Schwert, das durch die Seele bohrt, o Anfang sonder Ende! O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit, ich weiß vor großer Traurigkeit nicht, wo ich mich hinwende. Mein ganz erschrocknes Herz erbebt, dass mir die Zung am Gaumen klebt.  

Das ist die erste Strophe des Chorals, mit dem Organist Johannes Unger den Gottesdienst zum Ewigkeitssonntag beendete. Unger spielte die bekannte Choralfassung von Johann Sebastian Bach. Kurz und eindrucksvoll endete so der letzte Sonntag des Kirchenjahres, auch Totensonntag genannt, an dem traditionell der verstorbenen Gemeindeglieder gedacht wird. Dass Totengedenken weit über die Mitglieder der eigenen Gemeinde hinausgeht, wurde im anschließenden Ökumenischen Gedenk-Gottesdienst der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge deutlich. Seit langem findet dieser Gottesdienst immer am Ewigkeitssonntag statt. Rund 80 Menschen hatten sich versammelt, kaum einer war darunter, der Flucht oder Vertreibung noch selbst erlebt hatte, es waren die Nachkommen, die hier der Leiden ihrer Vorfahren gedachten. Hunger, Krankheit, Todesangst, traumatische Erlebnisse, Gefangenschaft, Verlust der Heimat, Neuanfänge  unter schwierigsten Bedingungen. Der Kranz, der am Ende des Gottesdienstes bei den abgestürzten Glocken niedergelegt wurde, ist „den Toten“ gewidmet. Natürlich zunächst einmal den Opfern vor allem unter den Geflüchteten und Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Doch sowohl Diakon Gernot Wüst von der Katholischen Pfarrei „Zu den Lübecker Märtyrern“ als auch Marienpastor Robert Pfeifer machten klar, dass es in der Welt von heute ebenso schlimm aussieht wie in den entsetzlichen Kriegs- und Nachkriegswirren des 2. Weltkrieges. Beide Geistliche mahnten, nie zu vergessen, was Menschen vor mehr als 80 Jahren zugestoßen ist, Vorurteile und Vorbehalte gegenüber heutigen Flüchtlingen und Vertriebenen hintanzustellen und ihre Nöte ernst zu nehmen. Gleichzeitig betonten beide, dass es viele gibt, die sich kümmern, die Flüchtlinge willkommen heißen und ihnen helfen. Sie sind „aus einer geordneten Welt herausgefallen“, sagte Diakon Wüst - genau diese Menschen nennt Jesus seine „Schwestern und Brüder“. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ oder „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan“.

Wach auf, o Mensch, vom Sündenschlaf; ermuntre dich, verlornes Schaf, und bessre bald dein Leben! Wach auf, es ist doch hohe Zeit, es kommt heran die Ewigkeit, dir deinen Lohn zu geben. Vielleicht ist heut der letzte Tag; wer weiß noch, wie man sterben mag?

In der katholischen Kirche ist dieser Sonntag das „Christkönigsfest“ und bedeutet, dass Jesus Christus immer der höhere Herr ist, egal wer auf Erden gerade herrscht und sei diese Herrschaft auch noch so schlimm. Das Fest gibt es erst seit 1925, es wurde anlässlich der 1600-Jahr-Feier des Konzils von Nicäa 325 eingeführt. Während des Nationalsozialismus entwickelte sich der Christkönigstag zu einem „Mutmachtag“. Junge Katholiken nutzten ihn als Widerstandssymbol gegen den Führerkult. Auch heute noch endet das katholische Kirchenjahr also mit einem Zeichen der Hoffnung.

Pastor Pfeifer hob hervor, dass fast alle Anwesenden Erfahrungen mit Verlust der Heimat haben, Angehörigen der Opfer oder der mit ihnen verbundenen Menschen seien. Viele Menschen in Lübeck wurden damals gezwungen, die Heimat für immer zu verlassen und hier neu Wurzeln zu treiben. Die Konsequenzen, die es zu ziehen und zu erkennen gilt seien, so Pfeifer, solidarisch zu bleiben mit den Opfern und nicht aufzuhören zu Erinnern. Denn wo es an Solidarität mangelt, entsteht Gleichgültigkeit. Und diese sei das Einfallstor des Bösen. Der Marienpastor forderte dazu auf, die Verantwortung für die Zukunft unseres Landes und Europas aktiv wahrnehmen, jede Form von Extremismus und Fremdenfeindlichkeit zu verurteilen und mehr Wahrhaftigkeit zu fordern im öffentlichen Diskurs. Außerdem mahnte er, diejenigen zu würdigen, die mit ihrem Leben für Frieden eintreten: Soldaten, Friedensdienstler, Entwicklungshelfer - sie verdienten unseren besonderen Respekt. Ebenso die Lehrerinnen und Lehrer, die unseren Kindern die nötigen Ideen und Perspektiven, Mut und Kraft vermitteln, um ihre Zukunft positiv und friedlich zu gestalten, für Frieden und Versöhnung einzustehen.

Im Anschluss an den Gottesdienst hatte ich die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit dem Leiter des Bundes der Heimatvertriebenen im Kreisgebiet Lübeck,  Peter Steinhardt. Ich erfuhr, dass dieser Verein schrumpft, was nicht verwundert – seit 1945 sind mehr als 80 Jahre vergangen, ein direkter Bezug zu den damaligen Geschehnissen ist heute kaum noch jemandem möglich.

Meiner Meinung nach sollte man darüber nachdenken, diese Veranstaltung nicht nur zu erhalten, sondern auf „weiten Raum“ zu stellen: heutige Flüchtlinge und Vertriebene hinzuzubitten, mithin den Begriff der Ökumene über das Christliche hinaus auszudehnen und andere Religionen in Freundschaft und Respekt miteinzubeziehen in Andacht und Gebet.

Svea Regine Feldhoff